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„ ES IST SCHON SELTSAM
HIER IN HONGKONG
“



Ein Gespräch mit TSANG KAN CHEONG



Text, Interview & Filmographie: Stefan Borsos

Die HK-Produktion INTRUDER war wohl neben Nakata Hideos THE RING und SEUL CONTRE TOUS von Gaspar Noé einer der Höhepunkte des letztjährigen Fantasy Filmfests. Regisseur Tsang Kan Cheong, zuvor (Ko-)Autor von Filmen wie ROYAL WARRIORS, MY HEART IS THAT ETERNAL ROSE oder GOD OF COOKERY, inszenierte mit seinem Erstlingswerk den ersten – und neben NUDE FEAR einzigen – durchgehend ernsthaften, ohne Klamauk oder lächerliche Monster auskommenden HK-Horrorthriller seit langer, langer Zeit. Wie kaum einem HK-Regisseur vor ihm gelang es dem 1962 geborenen Tsang anhand einer ungemein cleveren Plotkonstruktion und vielschichtigen Figurenzeichnungen, den Zuschauer wirklich zu schockieren. Einige inszenatorische Mängel können hier und da zwar nicht geleugnet werden, dennoch gehört INTRUDER sicherlich zum besten, was die Hongkonger Filmindustrie in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Da verwundert es dann schon, daß ausgerechnet der eher auf Komödien spezialisierte Tsang dazu berufen sein sollte, solch ein Drehbuch zu schreiben und das auch noch derart gekonnt auf die Leinwand zu bringen – insbesondere, wenn man bedenkt, daß er auch schon für Bockmist wie THE BLACK PANTHER WARRIORS verantwortlich zeichnete. Ich traf Tsang Kan Cheong im Mai letzten Jahres in Hongkong zu einem ausführlichen Gespräch über die Stellung von Regisseur und Drehbuchautor in der Hongkonger Filmindustrie, seinen Bekannten Johnnie To und natürlich INTRUDER. Tsang und seine reizende Frau, die so manches Mal als Übersetzerin herhalten mußte, präsentierten sich als unglaublich nette, aufmerksame und interessierte Gesprächspartner, denen die Verwunderung, warum ich gerade sie für ein Interview ausgewählt hatte, stets ins Gesicht geschrieben stand.


Wie kamst Du zum Film?
Ich begann meine Karriere 1981 beim Fernsehen als Autor von TV-Serien. Dort arbeitete ich ungefähr drei oder vier Jahre, bis ich dann mit IT´S A DRINK, IT´S A BOMB 1985 mein Debüt als Kinoautor gab.

Unter Deinen Scripts befindet sich auch Patrick Tams MY HEART IS THAT ETERNAL ROSE. Wie ergab sich das Projekt?
Patrick und ich waren damals bei derselben Produktionsfirma tätig. Die hieß, soweit ich mich erinnern kann, D & B Films und der Chef dieser Firma war John Sham. Er brachte mir bei, wie man Drehbücher schreibt, und war wie ein Mentor für mich.

Wie sah die Zusammenarbeit zwischen Dir und Patrick aus?
Grundsätzlich hat ja jeder Regisseur einen anderen Arbeitsstil. Hier in Hongkong ist es in der Regel so, daß man als Autor sehr eng mit dem Regisseur zusammenarbeitet. Bei MY HEART IS THAT ETERNAL ROSE trafen Patrick, John (Chan, Ko-Autor) und ich uns regelmäßig in einem Coffee-Shop und machten dort eine Art Brainstorming, um die Ideen und einzelnen Szenen zu entwickeln. Das einzige Problem bestand darin, daß Patrick stets sehr große Probleme hatte, sich auszudrücken. Deshalb war es für mich als Autor natürlich ziemlich schwer, zu verstehen, was er eigentlich wollte. Da schrieb ich dann auch schon mal einen ersten Entwurf, einen zweiten und einen dritten, bis der Meister schließlich zufrieden war (Lachen). Und selbst dann konnte es noch vorkommen, daß man am Set auf Patricks Wunsch hin Änderungen vornehmen mußte (Lachen) . Sicher, der fertige Film war fabelhaft, darüber waren sich dann auch alle einig, aber vor und während den Dreharbeiten war die Kooperation mit Patrick in der Tat nicht ganz einfach. Wie dem auch sei, Du siehst, daß Regisseur und Autor bei uns sehr eng zusammenarbeiten. Zumeist bleibt man bis zur letzten Sekunde am Set, um möglicherweise noch Veränderungen am Drehbuch vorzunehmen. Das Ziel ist ja immer, das Bestmögliche zu erreichen...

...ganz ähnlich wie bei Wong Kar Wai, der ja während der Dreharbeiten auch seine Scripts regelmäßig überarbeitet – wenn er denn überhaupt eins hat.
Genau (lautes Lachen) . Es ist schon ein seltsam hier in Hongkong. Das trifft übrigens auch auf die Stellung des Regisseurs zu. In den USA ist der Regisseur normalerweise einer von vielen, ein ganz normaler Mitarbeiter, der wie alle anderen auch seinen Job erledigt. In Hongkong dagegen besitzt der Regisseur die größte Macht, er ist sozusagen der König auf dem Set. Selbst ein Produzent hat nicht soviel Mitspracherecht wie er – und die Autoren natürlich erst recht nicht (lautes Lachen) .

Aber stimmt es nicht, daß gerade die Drehbuchautoren in letzter Zeit an Bedeutung gewonnen haben und nun dank Filmen wie EXPECT THE UNEXPECTED oder THE LONGEST NITE in den Vordergrund rücken?
Die Drehbuchautoren sind heute sicherlich wichtiger als in den 80er Jahren – da kann ich Dir schon zustimmen. Aber das letzte Wort hat immer noch der Regisseur. Er allein bestimmt, wie der Film letztlich aussehen wird. Zudem spielen die Autoren heutzutage ja auch nur deshalb eine größere Rolle, weil es unserer Filmindustrie so schlecht geht. Man versucht neue Wege zu gehen, neue Konzepte und neue Stilrichtungen zu entwickeln. Schau Dir nur mal an, wieviele unterschiedliche Filme derzeit produziert werden und wieviele verschiedene Genres es gibt. In den 80ern wurden im Unterschied dazu fast ausschließlich Komödien und Actionfilme gemacht. Davon abgesehen stehen uns auch nicht mehr die großen Budgets zur Verfügung, wie das damals noch der Fall war. Und um das zu kompensieren, müssen die Drehbücher automatisch besser sein.

Wann hast Du Dich dazu entschlossen, selbst Regie zu führen?
Den Wunsch, Regie zu führen, hatte ich eigentlich schon immer. Jeder, der in der Filmindustrie Hongkongs tätig ist, hat diesen Wunsch. Das gilt für den Ausstatter, für den Kameramann, für den Cutter und ebenso für den Drehbuchautor. 1989 ging ich jedenfalls für einige Zeit zurück zum Fernsehen, um Erfahrungen im Produktionsbereich zu sammeln. Ich arbeitete dort als Produzent an einigen Fernsehfilmen. Es war dann 1997, als Johnnie To, ein guter Freund von mir, ein kostengünstiges Projekt plante, mit dem er einen Regiedebütanten betrauen wollte. Die Idee zum Film stammte von Johnnie, Wai Kar Fai und mir. Wir setzten uns damals zusammen und überlegten, wie wir mit einem so niedrigen, geradezu lächerlichen Budget einen anständigen Film drehen konnten. Und schließlich wurde uns klar, daß wir eine Story haben mußten, die allein ausreichen würde, um den gesamten Film zu tragen. Wu Chien Lien schuldete seinerzeit China Star noch einen Film und willigte ein, bei unserem Projekt die Hauptrolle zu übernehmen – obwohl sie noch gar nicht wußte, worum es gehen würde.

Wieso fiel Deine Wahl ausgerechnet auf das Genre des Thrillers, ein ziemlich untypisches Genre für einen HK-Film?
Nun, zum ersten hatten wir, wie bereits gesagt, ein sehr niedriges Budget, wodurch von vorne herein natürlich gewisse Einschränkungen gegeben waren. Zum zweiten ist Wu Chien Lien, wie Du sicherlich weißt, kein Komik-Talent. In ihren bisherigen Filmen spielte sie abgesehen von ein paar Ausnahmen fast ausschließlich ernste Rollen. Daher mußten wir für unser Projekt ebenfalls einen ernsten Ton wählen. Und für eine Liebesgeschichte beispielsweise hätten wir einen ebenbürtigen männlichen Darsteller benötigt. Das war jedoch mit unserem Budget nicht möglich. Wir überlegten uns also, wie wir mit diesem Budget und Wu in der Hauptrolle das Publikum wirklich packen könnten, und entschlossen uns daher nach einigen Diskussionen, einen Horrorfilm zu machen, der den Zuschauern wirklich Angst machen sollte. Keine Geister, keine Magier, keine Monster und auch keine billigen Witze, sondern realen Horror. Ich wollte eine Story, die dem Zuschauer tatsächlich widerfahren könnte. So kamen wir auf die Geschichte einer Frau aus Festlandchina, die aus ihrer Heimat emigriert und nach Hongkong kommt. Es ist ja immer wieder beängstigend, wenn man sich vor Augen führt, wieviele Menschen in China leben. Wieviele Menschen, die man nicht kennt, über die man nichts weiß und auch nichts erfahren kann. Und gerade diese Anonymität wollte ich mir zunutze machen. Denn wenn Wu Chien Lien nach Hongkong kommt, weiß der Zuschauer weder, was diese Frau vorhat, noch, woher sie genau stammt.

Du hast gesagt, daß die Grundidee zu INTRUDER von Johnnie To, Wai Kar Fai und Dir selbst stammt. Welche Rolle haben Wai und speziell To bei der restlichen Produktion Deines Films gespielt?
Ich weiß schon, worauf Du hinaus willst (Lachen) . Aber zum Glück war Johnnie während den gesamten Dreharbeiten zu INTRUDER mit anderen Dingen beschäftigt. Er hatte gar keine Zeit, irgendwie in meine Arbeit einzugreifen. Davon abgesehen bin ich schon seit vielen Jahren gut mit Wai Kar Fai befreundet und da ihm Johnnie blind vertraut, bekam ich keine Probleme. Ich bin mir natürlich bewußt, daß Johnnie ein recht dickköpfiger, autoritärer Mensch ist, der in seiner Funktion als Produzent gerne selbst bestimmt, wie ein Film auszusehen hat. Besonders bei den Filmen seines Schülers Patrick Yau war Johnnie ständig auf dem Set und gab genaue Anweisungen, wie Patrick den Film inszenieren sollte. Dazu muß aber auch gesagt werden, daß Patricks Filme weit größere und finanziell risikoreichere Produktionen mit Stars waren, wogegen mein Film gerade mal schlappe 300.000 US-Dollar gekostet hat. Nichtsdestotrotz war ich ziemlich froh, daß ich unabhängig arbeiten konnte (lautes Lachen) .

Zwei Elemente sind besonders bemerkenswert an Deinem Film: Zum einen die Charakterisierung der Hauptpersonen, zum anderen die Konstruktion des Plots. Wie hast Du diese Elemente entwickelt?
INTRUDER sollte sich von Anfang an komplett von dem unterscheiden, was Hongkong bisher im Horror-Bereich produziert hatte. Ich wollte das Publikum mit meinem Film richtig schockieren. Daher war es mir auch ziemlich egal, daß ich ein Cat III-Rating erhielt. Wai Kar Fai meinte damals noch, daß wir das ganz junge Publikum sowieso nicht bräuchten. Also zogen wir das Ding also auf unsere Art durch, ohne Kompromisse, ohne Eingeständnisse an den Zuschauergeschmack.

Interessant ist vor allen Dingen, daß der Zuschauer über das Tatmotiv von Wu Chien Lien lange Zeit völlig im Dunkeln gelassen wird.
Ja, das ist meiner Meinung nach auch sehr wichtig, denn der Großteil dieser ganzen Horror- oder Psychothriller verschwendet meines Erachtens viel zu viel Zeit auf Erklärungen. Doch gerade bei einem Film dieses Genres muß man das Publikum stets beschäftigen und so wenig Informationen geben wie möglich, ansonsten verliert es das Interesse. Wenn ich schon alle Hintergründe für die Geschehnisse weiß oder erahnen kann, macht das doch keinen Spaß mehr. Deshalb erfährt der Zuschauer bei meinem Film nur sehr wenig über die Beweggründe der Hauptfigur. Ich zwinge ihn sozusagen in die Opferrolle, und damit in die Rolle von Lai Yiu Cheung. Man fragt sich dann wie Lai fortwährend, warum Wu Chien Lien das alles macht. Die Vermutung, daß sie vielleicht eine Psychopathin sein könnte, liegt natürlich nahe. Aber das wäre aus meiner Sicht etwas zu einfach. Denn bei einer Psychopathin müßte man ja überhaupt keine großartigen Erklärungen abgeben, sie könnte alles machen, nur weil sie verrückt ist. Ich wollte jedoch Wus Figur mit einer nachvollziehbaren Handlungsmotivation ausstatten. Dadurch, daß sie all diese schrecklichen Dinge bei vollem Verstand tut, erscheint ihre Figur somit noch bösartiger.

Davon abgesehen fällt auf, daß Lai Yiu Cheung, gewissermaßen der Verbündete des Zuschauers, kein durchweg positiver Charakter ist.
Nun, ich wollte die Charaktere des Films so realistisch wie möglich gestalten. Lai Yiu Cheungs Figur ist daher auch kein makelloser, strahlender Held, sondern ein Underdog, ein Durchschnittstyp, der in seinem bisherigen Leben nichts erreicht hat und auch nichts erreichen wird. Er kümmert sich nicht um seine Mutter und vernachläßigt die Erziehung seiner Tochter – streng genommen macht er eigentlich überhaupt nichts Sinnvolles. Doch selbst ein schlechter Mensch wie er hat eine solche Erfahrung nicht verdient.

Besonders eindrucksvoll war meiner Meinung nach Wu Chien Lien. Was hältst Du von ihrer schauspielerischen Leistung?
Was Wu Chien Lien betrifft, kann ich nur sagen, daß sie ganz bestimmt eine der besten Schauspielerinnen in Hongkong, wenn nicht gar in ganz Asien ist. Es erstaunt mich immer wieder, wie professionell sie arbeitet und wie ernst sie an ihre Rollen herangeht. Wu gibt bei jeder Rolle ihr Bestes und versucht wirklich jedes Mal, die Figuren, die sie spielt, auch zu verstehen. Das einzige, was sie fordert, sind genügend Informationen über den Charakter. Dann jedoch liefert sie auch genau das ab, was man von ihr erwartet. Ich kenne sie ja schon seit ihrem HK-Debüt und schätze ihre Arbeit sehr.

Es wundert mich vor allem, daß Wu im Unterschied zu den meisten anderen HK-Schauspielerinnen bei der Rollenauswahl offenbar nicht auf ein bestimmtes Image achtet.
Das würde ich so nicht sagen. Wu achtet ganz sicher auf ihr Image, aber das heißt ja nicht, daß sie nur einen ganz bestimmten Rollentypus spielen muß. Ein Image bewahren bedeutet für Wu vielmehr, nur Filme zu drehen, für die sie sich nicht schämen muß und auf die sie stolz sein kann – selbst wenn die Rollen, die sie darin spielt, aus dem Rahmen fallen. Außer Wu gibt es in Hongkong nur ganz wenige Schauspielerinnen, die so denken. Der große Rest ist lediglich darauf aus, viel Geld zu verdienen. Aber das sind meines Erachtens ohnehin keine richtigen Schauspielerinnen.

Kommen wir zu Lai Yiu Cheung: Bist Du mit seiner Darstellung zufrieden?
Ja, sehr sogar, denn Lai hatte mit Abstand den schwersten und anstrengendsten Job unter den Schauspielern. Wir drehten INTRUDER innerhalb eines Monats in Johnnie Tos Milkyway Studios, bei einer unerträglichen Hitze von 40 Grad, ohne jegliche Klimaanlage oder Belüftung. Zudem war Lai während der meisten Zeit ja mit dem Klebeband an diesen Rollstuhl gefesselt. Bis zu einem gewissen Punkt sind also seine Strapazen und Schmerzen im Film tatsächlich echt. Es verblüfft mich heute noch, wie er das überhaupt aushalten konnte. Daher kann man Lai zu dieser tollen Leistung nur gratulieren. Ich kenne ihn ja schon sehr lange und bin gut befreundet mit ihm. Lai kommt wie fast alle HK-Schauspieler vom Fernsehen, wo man es ja gewohnt ist, sehr hart zu arbeiten. Ohnehin ist das Fernsehen die beste Schauspielschule, die man sich vorstellen kann. INTRUDER war, wenn ich mich recht erinnere, Lais zweiter oder dritter Kinofilm. Da hat er sich natürlich besonders angestrengt.

INTRUDER war wie fast alle Milkyway-Filme ein kommerzieller Flop in Hongkong. Warum ist das in Deinen Augen so?
Diese Frage habe ich gerade gestern erst wieder mit Joe Ma diskutiert. Der Hauptgrund für den Mißerfolg von Johnnie Tos und Wai Kar Fais Filmen liegt meiner Meinung nach im völligen Fehlen von positiven Elementen und der enormen Hoffnungslosigkeit, die jede einzelne ihrer Produktionen auszeichnet. Auf diese Weise kann man natürlich niemanden unterhalten. Filme wie THE LONGEST NITE oder EXPECT THE UNEXPECTED verstören die Zuschauer doch nur. Gerade jetzt aber möchte das Publikum von der Realität nichts wissen, möchte Filme sehen, die Hoffnung und eine positive Weltsicht vermitteln. Ein weiterer Grund für das schlechte Abschneiden an den Kinokassen läßt sich zudem bei der Einstellung ausmachen, die Johnnie und Wai Kar Fai allgemein zum Kino haben. Denn die beiden denken in erster Linie an die technische und inhaltliche Qualität der Filme und nicht an ihr kommerzielles Potential. Anstatt also einen qualitativ schlechten Erfolg zu drehen, produzieren sie lieber einen qualitativ hochwertigen Flop.

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