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„ ES IST SCHON SELTSAM
HIER IN HONGKONG
“



Ein Gespräch mit TSANG KAN CHEONG




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Dennoch ist es in meinen Augen geradezu unbegreiflich, daß diese Filme in Hongkong nicht ihr verdientes Publikum finden.
Na ja, zum einen spielt da sicherlich die Raubkopiererei der VCDs eine nicht unbedeutende Rolle. Dieses Problem bekommen wir zwar langsam in den Griff, aber gelöst ist es noch lange nicht. Zum anderen protzen die Hollywood-Filme jedes Jahr mit noch höheren Budgets und noch besseren, noch aufwendigeren Spezialeffekten. Und damit können unsere einheimischen Produktionen natürlich nicht konkurrieren. Selbst eine Big Budget-Geschichte wie Andrew Laus THE STORM RIDERS kann da einfach nicht mithalten. Sicherlich war der Film ein großer Hit, doch die Erwartungen der Verantwortlichen haben sich dennoch nicht erfüllt. Einer der wesentlichen Gründe für den Erfolg von THE STORM RIDERS war ohnehin der glückliche Umstand, daß man die Spezialeffekte günstig produzieren konnte, anderenfalls wäre das Box Office-Ergebnis noch weitaus schlechter ausgefallen.

Laß mich nochmal auf die Hoffnungslosigkeit zu sprechen kommen, die Du zuvor im Zusammenhang mit Johnnie Tos Filmen genannt hast. Das Ende von INTRUDER ist ja auch nicht gerade allzu hoffnungsvoll bzw. positiv: Wu Chien Lien und ihr Mann entkommen und sie verspricht ihm, beim nächsten Opfer brutaler und skrupelloser vorzugehen, als sie es diesesmal ohnehin schon getan hat.
Keine Ahnung, woran das liegt. Aber wie Wai Kar Fai bin ich in den 60ern aufgewachsen, einer Zeit, als in Hongkong große Armut und Unzufriedenheit herrschten. Wai und ich kommen sozusagen tatsächlich von der Straße. Unbewußt kann es daher sein, daß wir diese negativen Erfahrungen unserer Kindheit in unsere Filme miteinbringen. Davon abgesehen ist der Schluß von INTRUDER doch eigentlich gar nicht hoffnungslos. Ganz im Gegenteil sogar: Wu und ihr Mann blicken im Grunde ausgesprochen positiv in Zukunft, wenn sie sich versichern, daß sie beim nächsten Opfer keine Skrupel zeigen werden (lautes Lachen) .

Die Inszenierung Deines Films ist von ein paar Holprigkeiten abgesehen für einen Debütanten ungewöhnlich sicher. Wie hast Du daran gearbeitet?
Nun, im Vordergrund stand ja von Beginn die Geschichte. Daher wollte ich den filmischen Stil von INTRUDER recht einfach halten und auf inszenatorische Mätzchen weitgehend verzichten. Meine Regie steht ausschließlich im Dienst der Geschichte und jede Einstellung soll lediglich Informationen transportieren, mehr nicht. Zudem habe ich in diesem Bereich auch keine große Erfahrung. Schon deshalb mußte ich mich etwas zurückhalten.

Zahlreiche Kritiker sahen in INTRUDER eine Parabel auf die Rückgabe Hongkongs an China. Wie stehst Du zu dieser Behauptung?
Nun, zu einem gewissen Teil stimmt das sicherlich. Wie sollte es denn auch anders sein? INTRUDER stammt ja aus dem Jahr 1997, da ist es natürlich klar, daß man von diesem Großereignis nicht unbeeinflußt bleibt. Wir HK-Chinesen durften eine von Großbritannien diktierte Schulausbildung genießen, bei der wir bedauerlicherweise nicht sehr viel über das Festland erfahren konnten. Einer der ersten Filme, in dem man sehen konnte, wie es dort überhaupt aussieht, war Anfang der 80er Jahre SHAOLIN TEMPLE. Der Film war damals ein riesiger Box Office-Hit, ganz einfach weil die Menschen das Bedürfnis hatten, etwas über die VR zu lernen. Es ist kaum zu glauben, aber trotz der geringen Entfernung wußten wir in Hongkong lange Zeit nicht, wie man in China lebt. Und selbst heute noch fühle ich mich fremd und irgendwie unwohl, wenn ich dorthin fahre. Obwohl wir allesamt Chinesen sind, unterscheiden sich die Lebensweisen, Wertesysteme, Moralbegriffe und Kulturen brutal voneinander. Wir teilen lediglich unsere Wurzeln und Traditionen, ansonsten aber sind wir zwei vollkommen unterschiedliche Völker. Jedes Mal, wenn ich mich in der VR aufhalte und mit den dortigen Einheimischen in Kontakt komme, bin ich aufs Neue erstaunt, daß ich diese Menschen nicht verstehen kann. Komischerweise sind sie weit materialistischer als wir HK-Chinesen. Ich will es gar nicht aussprechen, aber ich vertraue ihnen nicht. Da ich mich auf dem Festland nicht auskenne, bin ich auch sehr unsicher, wenn ich dort bin. Eben dieser Unsicherheit wollte ich in INTRUDER Ausdruck verleihen. Denn mit der Wiedervereinigung werden natürlich viele Festland-Chinesen versuchen, nach Hongkong zu kommen. Und davor habe ich und im übrigen auch ein Großteil der Bevölkerung Hongkongs Angst.

Du hast Dich nun seit INTRUDER wieder mehr auf das Schreiben konzentriert. Wird es denn eine zweite Regiearbeit von Dir geben?
Ich arbeite gerade an einem Projekt mit Stephen Chow, zu dem ich, wenn alles gutgeht, sowohl das Drehbuch als auch die Regie beisteuern werde. Aber das wird frühestens nächstes Jahr spruchreif. Daneben werde ich demnächst als Produzent wieder einige Zeit beim Fernsehen arbeiten. Denn aufgrund des Mißerfolgs von INTRUDER werde ich wohl nicht so schnell nochmal die Chance erhalten, etwas in dieser Richtung zu machen.

Ich trage ja schon mehrere Jahre ein Projekt mit mir herum, daß ich unbedingt einmal realisieren will. Die Geschichte spielt in der Mongolei und dreht sich um die Gegensätze und Unterschiede zweier Personen – die eine stammt aus dem Norden, die andere aus dem Süden des Landes. Ich hoffe wirklich von Herzen, daß ich diesen Film einmal drehen darf. Ich bin noch jung und will natürlich herausfinden, ob ich überhaupt talentiert genug bin, um Filme zu machen. Denn ich möchte keinesfalls etwas erzwingen. Wenn ich merke, daß ich von der Regie nichts verstehe, bleibe ich eben beim Schreiben. Damit bin ich ohnehin am glücklichsten. Ich bin ja ein Mensch, der nicht allzu gern unter die Leute geht. Viel lieber sitze ich zu Hause und schreibe meine Drehbücher. Ich liebe es wirklich über alles, mir ganz allein alle möglichen Geschichten auszudenken. Das ist bei Dir ja auch nichts anderes, wenn Du Kritiken schreibst. Wie auch immer, es liegt mir jedenfalls enorm viel daran, daß ich noch ein oder zwei Filme drehen darf.

Wäre nicht Johnnie To der richtige Ansprechpartner dafür?
Ja, schon. Aber selbst Johnnie achtet zur Zeit sehr genau darauf, daß er keine allzu großen Risiko-Projekte in Angriff nimmt. Er muß ja schließlich auch irgendwie über die Runden kommen. Daher sehe ich für mein Projekt auch bei Milkyway eher mal schwarz. Hongkongs Produzenten wollen eben auf Nummer sicher gehen. Wenn ich wollte, könnte ich ohne weiteres einen Cat III- oder einen Geisterfilm drehen, damit kann man immer Geld verdienen, doch daran habe ich nicht das geringste Interesse. Da gehe ich lieber zurück zum Fernsehen und warte auf meine Chance. Denn wenn ich einen zweiten Film drehen sollte, müßte der auch perfekt werden. Ich bin zwar mit INTRUDER nicht unzufrieden, aber durch den akuten Geldmangel konnte ich vielleicht höchstens 60% meiner Ideen so umsetzen, wie ich es geplant hatte.

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

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Filmographie (Kino) :

1985
Young Cops (Ko-Drehbuch; Regie: Yau Kar Hung)
It´s a Drink, it´s a Bomb (Drehbuch; Regie: David Chung Chi Man)

1986
Royal Warriors (Drehbuch; Regie: David Chung Chi Man)

1987
Magnificent Warriors (Drehbuch; Regie: David Chung Chi Man)

1989
My Heart is That Eternal Rose (Ko-Drehbuch; Regie: Patrick Tam Kar Ming)
Nobody´s Hero (Drehbuch; Regie: Kuk Kok Leung)
Seven Warriors (Drehbuch; Regie: Terry Tong Kei Ming)

1990
Magic Cop (Drehbuch; Regie: Stephen Tung Wai)

1991
The Royal Scoundrel (Drehbuch; Regie: Johnnie To Kei Fung & Chik Kei Yee)
Casino Raiders 2 (Drehbuch; Regie: Johnnie To Kei Fung)
Son on the Run (Ko-Drehbuch; Regie: Benny Chan Muk Sing)

1992
Arrest the Restless (Ko-Drehbuch; Regie: Lawrence Ah Mon/Lau Kwok Cheong)

1993
Tigers-the Legend of Canton (Ko-Drehbuch; Regie: Lee Lik Chi)
The Black Panther Warriors (Drehbuch; Regie: Clarence Ford/Fok Yiu Leung)

1996
The God of Cookery (Ko-Drehbuch; Regie: Stephen Chow Sing Chi & Lee Lik Chi)

1997
Intruder (Regie & Drehbuch)

1999
The King of Comedy (Ko-Drehbuch; Regie: Stephen Chow Sing Chi & Lee Lik Chi)

2001
Shaolin Soccer (Ko-Drehbuch; Regie: Stephen Chow Sing Chi & Lee Lik Chi)


Many thanks & best regards to: Tsang Kan Cheong & his wife

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