von
Stefan Borsos
Die
Wiedervereinigung Hongkongs mit der Volksrepublik China am
1.7.1997 nach über 150 Jahren der Kolonialherrschaft
war seit Beginn der britisch-chinesischen Verhandlungen 1982
ein immer wiederkehrendes Thema für Filmemacher der ehemaligen
Kronkolonie. Neben eher unterbewußten Reaktionen auf
das Schicksalsdatum wie hemmungslosem Eskapismus, speziell
in den 90ern, Nostalgie (´92 LEGENDARY LA ROSE NOIR),
der Betonung des Teamgeistes (LIFELINE) oder Fatalismus (THE
LONGEST NITE) näherten sich Regisseure wie Tsui Hark,
John Woo, Clara Law oder Fruit Chan auf vielfältigsten
Wegen mit unterschiedlichen Ergebnissen dem Thema inhärenten
Fragen und Problemen. Drei oft gewählte Arten der Auseinandersetzung
und Themengewichtung lassen sich dabei ausmachen: Zum ersten
jene Filme, die verschlüsselt in Parabeln anhand von
Metaphern und Symbolen Aussagen über die Zukunft Hongkongs
und politische Kommentare zu den zukünftigen Machthabern
zu treffen versuchen und dabei zumeist unter dem Einfluß
des Tiananmen-Massakers 1989 pessimistische Zukunftsszenarien
entwerfen, zu sehen in A CHINESE GHOST STORY 1-3 (´87-´91),
A BETTER TOMORROW 3 (´89), BULLET IN THE HEAD (´90)
oder THE WICKED CITY (´92). Zum zweiten jene Filme,
die sich mit der chinesischen Diaspora und damit einhergehend
mit der Suche nach den kulturellen Wurzeln und Identität
beschäftigen, zu sehen in HOMECOMING (´84), THE
ILLEGAL IMMIGRANT (´85), FAREWELL CHINA (´90)
oder FLOATING LIFE (´96). Und zum dritten jene Filme,
bei denen die Übergabe vor allem als zeitlicher Hintergrund
für die Handlung dient und die Reaktionen der Menschen
auf den Machtwechsel bzw. die sozialen Konsequenzen darzustellen
versuchen, zu sehen in THE LOG (´96) oder der 97er Trilogie
MADE IN HONG KONG (´97), THE LONGEST SUMMER (´98)
und LITTLE CHEUNG (´99). Derjenige chinesische Regisseur,
der sich am ausgiebigsten und wohl auch erfolgreichsten mit
dem Thema befaßt hat, ist nach wie vor Evans Chan, nicht
nur einer der angesehensten Kritiker Hongkongs und Dramaturg
(„Sexing Three Millennia“), sondern auch Theaterregisseur
(„The Naked Earth“) und unabhängiger Filmemacher,
der seine Zeit zwischen Hongkong und New York aufteilt.
Während
sich seine ersten beiden narrativen Arbeiten TO LIV(E) (´91)
und CROSSINGS (´94) auf intelligente und ambitionierte
Weise (nicht nur) mit der Emigrationsproblematik auseinandersetzten,
drehte Chan mit JOURNEY TO BEIJING (´98) und ADEUS MACAU
(´99) unter der Überschrift China Decolonized zwei
bemerkenswerte Video-Dokumentationen, die neben dem bedingt
ähnlichen RIDING THE TIGER (R: Leong Po Chih & Leong
Sze Wing) sicherlich die beste und umfassendste Behandlung
der mit der Übergabe verbundenen Themen bieten.
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| JOURNEY
TO BEIJING |
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Ersterer,
mit einem Budget von etwa 100.000 US-Dollar gedreht und 1999
auf der Berlinale zu sehen, begleitet über einen Zeitraum
von vier Monaten die „Walk to Beijing“-Kampagne,
einen philantropischen Marsch von Hongkong nach Peking, organisiert
von der Hongkonger Wohltätigkeitsorganisation Sowers
Action, um Gelder für die Ausbildung von Kindern und
Errichtung von Schulen in einigen ärmlichen Provinzen
Chinas zu sammeln. Beginnend mit dem 16.2.1997 über-
und durchqueren Chan und sein Team gemeinsam mit den Wanderern
historisch bedeutsame Orte wie den Gelben Fluß (die
Wiege der chinesischen Zivilisation), Mao Tse Tungs Geburtsort
Shaoshan, den Tiananmen-Platz in Peking und gelangen am 15.6.1997
schließlich zur Chinesischen Mauer. Chan nutzt, und
das ist der Clou des Films, den Marsch als geographischen,
zeitlichen und politischen Rahmen, um die komplexe Beziehung
Hongkongs zum Festland zu untersuchen. In durch Zwischentitel
getrennten Kurz-Essays befaßt er sich parallel zum Marsch
mit den ökologischen Gefahren, die der Machtwechsel mit
sich bringt (Christine Loh, Lew Young), Hongkongs Schwulenbewegung
(Stanley Kwan, Julian Chan), der Emigrationsthematik (Lo Fu,
Lau San Ching), chinesischer Vergangenheit im Vergleich zum
heutigen China (Lao Si Guang) und auch der Gefährdung
der freien Meinungsäußerung angesichts von Tiananmen
und den Änderungen des Grundgesetzes und der vormals
demokratischen politischen Strukturen durch die neue Regierung
(Martin Lee, Lee Yee). Dazwischen interviewt Chan auch die
Wanderer zu ihren Motivationen, ihren Gefühlen und ihren
Träumen, er zeigt ihre Entbehrungen während des
Marsches, die nicht immer positiven Reaktionen der chinesischen
Landbevölkerung und auch die Erfahrungen, die sie rückblickend
bei dem Projekt gesammelt

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| EVANS
CHAN |
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haben.
Sei es eine abenteuerlustige junge Frau,
die bereits den Zusammenbruch der ehemaligen
Sowjetunion miterlebte,
ein ehemaliger Flugzeugpilot, der unter Deng Xiao
Ping im Zweiten Weltkrieg gedient hat, oder ein frisch
verheirateter Mann, der durch diese Trennung die Liebe
zu seiner Frau beweisen möchte – sie alle
sorgen dafür, daß JOURNEY auch eine menschliche
Dimension erhält und somit zu einem bewegenden
Film wird. |
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