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1997-1999

CHINA DECOLONIZED

  zwei Video-Dokumentationen
von Evans Chan

 

 

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Begleitet und akzentuiert von einer ausgezeichneten Musikauswahl an neo-klassizistischen Klavierstücken, Folkrock aus Hongkong oder auch chinesischen Propaganda-Liedern aus der Mao-Zeit werden die Interviews ergänzt durch lyrische Landschaftsaufnahmen, extensivem Einsatz von Kartenmaterial, sowie etliche Originalfilm- und Fernsehausschnitte wie z.B. Aufnahmen von Mao und der Kulturrevolution. Chan verzichtet dabei, die Rückgabe entweder als glorreiche Rückkehr Hongkongs zum Mutterland zu feiern, oder als Untergang mit dem Verlust von Demokratie und Freiheit zu verteufeln. Ein Grund, weshalb der Film weder in China, noch im Westen allzu gut ankam. Als JOURNEY 1998 auf dem Hong Kong International Film Festival im Rahmen der History in the Making: Hong Kong 1997-Reihe gezeigt werden sollte, wurde er sogar kurzzeitig verboten und erst nach lautstarken Protesten seitens der Festivalleitung wieder freigegeben.


Eine ebensolche Aufmerksamkeit wäre bei ADEUS MACAU (zu dt.: Auf Wiedersehen Macau) wohl kaum vorstellbar, verlief doch schon die Rückgabe der Halbinsel am 20.12.1999 eher unbeachtet und ohne Interesse der westlichen Medien. Und das obwohl sich die ehemalige Kolonie Portugals, wie die Realität und auch der Film deutlich zeigen, durch die Wiedervereinigung mit ähnlichen, vielleicht sogar ernsteren Problemen konfrontiert sieht als das benachbarte Hongkong.


ADEUS lief denn auch eher beiläufig während des letztjährigen HKIFFs im Mini-Kino des Goethe Instituts (Hong Kong Arts Centre) in einer Special Preview und schaffte es im Gegensatz zum vielgesehenen Vorgänger nicht auf internationale Festivals. Warum, läßt sich kaum verstehen, denn Chans sensibler Umgang mit Macau wirkt nicht minder überzeugend als der mit Hongkong. Wie JOURNEY ist auch ADEUS ein komplexes filmisches Essay, eine tiefe Meditation über die Vergangenheit, die Gegenwart und die (mögliche) Zukunft Macaus. Der Ansatz und die Methoden, die Chan zur Herausarbeitung seiner Themen verwendet, sind in beiden Fällen dieselben, doch ADEUS ist aufgrund von Chans Biographie (er hat einen Teil seiner Kindheit in Macau verbracht) ein intimerer, kleinerer Film, geprägt von einer großen Portion Nostalgie. Dementsprechend funktioniert ADEUS in Verbindung mit der stimmungsvollen Musik ausgesprochen gut bei der Erschaffung von Macaus unvergleichlicher Atmosphäre.


 JOURNEY TO BEIJING



Zu Chans Interviewpartnern zählen diesmal u.a. Antonio Ng, das einzige gewählte demokratische Mitglied von Macaus Legislatur, der Filmkritiker und gute Freund Chans Law Kar, Jane Lei und Chu Iao Ian, Mitglieder der Communa de Pedra, Macaus wichtigstem Künstlerkollektiv, Harald Bruning, deutscher Journalist mit Wahlheimat Macau, der örtliche Kopf der Fondacao Oriente Joao Amorim, einer portugiesischen Einrichtung für kulturelle Veranstaltungen, sowie nicht zuletzt der Polit-Karikaturist Zunzi, der bereits in BYEBYE, HELLO, einer HK-Doku der in Berliner Jungregisseurin Ma Ying Li, vorgestellt wurde. Chan spricht mit ihnen über ihre Erinnerungen an die Vergangenheit unter portugiesischer Herrschaft und ihre Beobachtungen und Sorgen um die Zukunft unter China. Besonders beeindruckend ist dabei eine Parallelmontage von den Gesprächen mit Amorim und Bruning, in der ersterer ausgiebig die Errungenschaften der portugiesischen Kolonialzeit lobt, während letzterer harsche Kritik an der ehemaligen Regierung übt. Wie die Szene veranschaulicht, kommt es Chan erneut stark darauf an, ein möglichst breites Spektrum an Ansichten und Stimmungen zu porträtieren, auch wenn er selbst eine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber der Übergabe einnimmt. Leider zurecht, wie sich am Ende des Films herausstellt: Chan dokumentiert, wie Mitglieder der Communa de Pedra während einer politischen Kundgebung am Abend der Wiedervereinigung festgenommen werden. Wie der Film nahelegt, kein gutes Omen für die Zukunft der Halbinsel.


Auch Chans aktuelles Projekt THE MAP OF SEX AND LOVE – eine autobiographische Geschichte um einen in New York lebenden chinesischen Filmemacher, der bei der Rückkehr in die Heimat schreckliche Dinge über seine Vergangenheit erfährt – ist in Macau angesiedelt. Bis es fertiggestellt ist, seien JOURNEY TO BEIJING und ADEUS MACAU, aber auch TO LIV(E) und CROSSINGS dieses in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Regisseurs allen Lesern wärmstens ans Herz gelegt.



Best regards & many thanks to: Evans Chan

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