| Choi
Kai Kwong wurde 1946 in
Hongkong geboren. Nach dem Studium der Englischen Literatur
in Berkeley und einem Filmstudium in San Francisco arbeitete
er mehrere Jahre beim Fernsehen, wo er u.a. Episoden erfolgreicher
Serien wie WONDERFUN oder WONG FEI HUNG inszenierte. Seinen
Einstieg in die Filmindustrie feierte er 1978 mit dem Ko-Drehbuch
zu Yuen Wo Pings SNAKE IN THE EAGLE´S SHADOW, zwei Jahre
später folgte sein Spielfilmdebüt ENCORE. Von 1993
bis 2002 unterrichtete Choi Film/TV-Regie an der School of
Film & Television der Hong Kong Academy of Performing
Arts. Seitdem ist er wieder freiberuflich als Regisseur/Autor
aktiv und bereitet derzeit mehrere Projekte vor. Zu seinen
Filmen zählen: ENCORE (´80), NO U-TURN (´81),
TEENAGE DREAMERS (´82), HONG KONG, HONG KONG (´83),
NORTH, SOUTH, EAST, WEST (´84), TWO GIRLS (´85),
GROW UP IN ANGER (´86), AMNESTY DECREE (´87),
BIG BROTHER (´87), CITY WARRIORS (´88, nur Produktion),
NAUGHTY COUPLE (´94), LAI MAN WAI-FATHER OF HONG KONG
CINEMA (´01).
Wie
kamst Du dazu, eine Dokumentation über Lai Man Wai zu
machen?
Seit ich meinen Lehrposten an der APA [= Academy of Performing
Arts] antrat, war ich daran interessiert, auch selbst weiterhin
Filme zu machen. Als dann vor einiger Zeit der Arts Development
Council entstand und Geld für die Finanzierung unabhängiger
Projekte bereitgestellt wurde, dachte ich, es wäre ganz
gut, Dokumentarfilme zu drehen. Ich fragte also meinen alten
Freund Law Kar, ob er nicht als Produzent mit mir zusammenarbeiten
wolle. Und da in unseren Augen immer noch sehr wenig bekannt
ist über Filmemacher aus Hongkong, kamen wir auf die
Idee, Dokumentarfilme über Filmleute zu produzieren.
Und zwar Filmleute, die noch leben, was hierzulande ziemlich
ungewöhnlich ist. Denn einem chinesischen Sprichwort
zufolge sollte man nur über Menschen reden, die schon
tot sind, nicht aber über diejenigen, die noch leben
(Lachen).
Als wir uns kurz darauf nach einem geeigneten Filmemacher
umsahen, erfuhren wir, daß Lee Hon Cheung [Mandarin:
Li Han Xiang; Regisseur von Klassikern wie THE ENCHANTING
SHADOW (1960), EMPRESS WU TSE TIEN (1963) oder THE WARLORD
(1972)] in Peking einen neuen Film drehte. Daraufhin fiel
mir ein, daß sich Lee zehn Jahre zuvor einer Herzoperation
unterzogen hatte, und ich wußte, daß wir nicht
mehr viel Zeit haben würden, etwas über ihn zu machen.
Doch ehe wir uns endgültig entschieden
hatten, verstarb er leider. Also
|
beschlossen wir, zu den Ursprüngen
des Hongkong-Kinos zurück-zugehen und Lai Man Wai
in den Mittelpunkt unseres Films zu stellen. Zunächst
war geplant, einen Zeitaufwand von einem Jahr zu investieren,
um eine fünfzehnminütige Dokumentation zu
erstellen. Aber je länger wir an dem Projekt arbeiteten,
desto klarer wurde uns, daß das Material zu gut
und Lai zu wertvoll war, um etwas so kurzes zu machen.
Wir recherchierten mehr und mehr, entdeckten immer wieder
neues Material, so daß am Ende daraus ein Film
von zweieinhalb Stunden wurde, für dessen Fertigstellung
wir zweieinhalb Jahre benötigten (Lachen). |
|
| |

 |
| |
LAI
MAN WAI |
|
Hat sich Deine
Sichtweise auf Lai Man Wai im Laufe der Dreharbeiten geändert?
Na ja, uns war natürlich bekannt, daß Lai als Vater
des Hongkong-Kinos einen wichtigen Platz in unserer Filmgeschichte
einnimmt. Im Zuge der Recherchen und Dreharbeiten fanden wir
jedoch heraus, daß er weitaus mehr war als das. Ich
denke, Lai hat sich genauso verhalten, hat genauso gelebt,
wie es ein guter Chinese, ein guter Mensch im vergangenen
Jahrhundert hätte tun sollen. Er wurde 1893 geboren und
starb 1953 – in diesen sechzig Jahren wurde er Zeuge
von zahlreichen großen Veränderungen in China.
Auf seine Art und Weise half er im Dienste der Revolution
mit, die Mandschu-Regierung zu stürzen. Später machte
er sich stark für Vereinigung Chinas und dokumentierte
die Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalisten. Mit
Minxin und Lianhua gründete er zwei der wichtigsten Filmstudios
Chinas, die etliche große Klassiker hervorbrachten.
Als Filmemacher war Lai ein sehr bescheidener Mensch. Stets
kam es ihm in erster Linie darauf an, gute Filme zu produzieren;
er wollte kein berühmter Regisseur, Schauspieler oder
Drehbuchautor sein. Deshalb ist er in den ganzen Filmen auch
immer nur als „production manager“ genannt. In
Wirklichkeit aber war Lai die Seele, der Antrieb seiner Produktionen.
Am besten könnte man ihn vielleicht als großen
Produzenten bezeichnen.
Reden
wir über die Struktur des Films: Hattest Du auch andere
Ansätze in Betracht gezogen als jenen, den Du schließlich
gewählt hast?
Klar, zu Beginn des Projekts dachten wir über viele Strukturierungsmöglichkeiten
nach, einschließlich eine mit Spielsequenzen oder eine
im Stil von Orson Welles´ CITIZEN KANE. Aber nachdem
ich unser Material gesichtet hatte, wurde mir klar, daß
der einfachste zugleich auch der beste Weg war, Lai zu porträtieren.
Ich hatte zwar bei den Interviews ursprünglich viel Material
gedreht, mit zahlreichen Einstellungen inklusive Totalen und
Close Ups, doch ich ersetzte den Großteil davon durch
Photographien, Originalfilmsequenzen oder anderes Dokumentarmaterial.
Es erschien mir einfach effektiver, um Lai den Zuschauern
nahezubringen.
War es schwer,
an all das Originalmaterial und die Interviewpartner zu kommen?
Ja, es hat sehr lange gedauert, bis wir all die Sequenzen
zusammen hatten, die im fertigen Film zu sehen sind. Vieles
fanden wir in den Filmarchiven von Hongkong, Peking oder Taipei,
einiges erhielten wir auch aus Privatsammlungen und hier und
da mußten wir Material von Produktionsfirmen abkaufen.
Für die Auswahl und das Auffinden der Interviewpartner
war in erster Linie Law Kar zuständig. Er ist der Filmwissenschaftler
von uns beiden und hatte auch die nötigen Kontakte dafür.
Was ist als
nächstes geplant? Machst Du eine weitere Dokumentation?
Eine weitere Dokumentation sicherlich nicht – ich brauche
dringend eine Pause (Lachen). Aber ich spiele mit dem Gedanken,
einen Spielfilm über Lai Man Wai zu machen. Immerhin
habe ich diesem Mann zwei Jahre meines Lebens gewidmet. Da
ist zwar noch nichts spruchreif, doch es wäre meiner
Ansicht nach ganz interessant, einige wichtige Ereignisse
aus Lais Leben en detail zu beleuchten.
Dann wünsche
ich Dir viel Glück bei dem Projekt und danke herzlich
für das Gespräch.
Many thanks and best
regards: Choi Kai Kwong
---| |
|
|