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Ein Gespräch mit WONG JING


 

von Martin Beck

Müßte ich eine Liste mit interviewwürdigen Leuten aus der Hongkonger Filmindustrie erstellen, so würde ein Name ganz oben stehen: Wong Jing. Es gibt kaum eine zweite Person unter Hongkongs Filmschaffenden, die mehr bizarre Legenden um sich rankt, die stärker Meinungen zwischen furchtbar und grandios polarisieren kann und die vor allem, gerade seit Anfang der neunziger Jahre, den neuzeitlichen Hongkong-Film nachhaltiger geprägt und beeinflußt hat. Wong Jing heißt Chaos, Wong Jing heißt Tempodröhnung, Wong Jing heißt brodelnder Mischmasch aus exploitationgetränkten Drehbüchern, chaotischen Genrevermurksungen und grellbunten Technikattacken. Viele bezeichnen ihn als geschmacklosen Wegwerffilmer, der nur für Box Office-Ergebnisse lebt und seine multifunktionale Einsetzbarkeit als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schauspieler ausschließlich zum Zwecke möglichst großer Machtausübung aufrecht erhält. Andererseits ist Wong Jing aber auch ein Mann, der einen nahezu untrüglichen Riecher für Hits hat, der dank riesigem Produktionsausstoß eine große Stütze für die Hongkonger Filmindustrie darstellt und der in nicht unbeträchtlichem Maße das Image des Hongkong-Kinos als vollkommen unberechenbares und deswegen immer spannend bleibendes Blendfeuerwerk mitgeformt hat.


Was auch immer man von diesem Menschen, der einst Ann Huis SONG OF THE EXILE mit den Worten „who wants to see the autobiography of a fat woman?“ bewertete, auch halten mag, vorbei kommt man an ihm nicht. Wong Jing ist einer der mächtigsten Männer der Hongkonger Filmindustrie, der nicht nur einen gewissen Stephen Chow zum absoluten Box Office-Magneten herausformte und einst Babebombe Chingmy Yau zur sicher innig geliebten Freundin hatte, sondern auch in sämtlichen Genres, inklusive dem berüchtigten Category III-Bereich, bereits seine (erfolgreiche) Schneise hinterlassen hat. Schon lange hoffte ich auf eine Audienz bei diesem Mann und letztes Jahr, als in Mailand mal wieder die Mifed angesagt war, ergab sich dann auch endlich die Gelegenheit. Wong Jing höchstpersönlich rollte eine Woche lang durch die Messegänge, sammelte Berge von Flyern (wetten, daß demnächst etliche der vorgestellten Titel die Ehre eines Hongkong-Remakes erfahren werden?) und ließ sich sogar in einigen Filmvorführungen blicken. Tatsächlich war er auch gleich zu einem Interview bereit und so saßen wir schon kurze Zeit nach unserer ersten Begegnung auf einem dieser ekligen Business-Sofas und schlürften leckere Cappucinos. Mir gegenüber plauderte ein kleiner, dicker, mit fettigen Haaren, riesiger Brille, rosa Hemd und Goldkettchen ausgestatteter Mann, der äußerlich locker als Mischung aus Klassenklown und Puffbesitzer durchgehen könnte, doch sich im Gespräch sehr schnell als gewandter, witziger und mir sein geballtes Wissen wild gestikulierend entgegenratternder Informationsquell entpuppte. Nein, nach intimen Details seiner Beziehung zu Chingmy Yau oder dem erst vor wenigen Monaten passierten Zähneausschlagen durch angepißte Triadentypen habe ich ihn nicht gefragt. Ansonsten aber war das thematische Feld weit und konnte – zumindest bis seine zahlreichen Flyertrag-Schergen zum Mittagessen riefen – auch ausgiebig beackert werden.


Was führt Sie auf die Mifed?
Ich bin vor allem daran interessiert, was für Filme andere Länder drehen. Die verwendeten Inhalte sind besser entwickelt und bieten mehr neue Ideen als die oftmals sehr einfallslosen und unausgegorenen Werke aus Hongkong. Auf der anderen Seite gibt es aber auch unglaublich viel Schrott hier. Diese ganzen B-Actionfilme....das ist überhaupt nicht mein Ding.

Was sagen Sie zur Präsentation der HK-Filme auf der Mifed?
Ich bin sehr überrascht, wie viele Firmen, von denen ich noch nie etwas gehört habe, hier HK-Filme verkaufen (ausladendes Grinsen). Generell ist so etwas natürlich schon gut, aber so ganz geheuer sind mir einige Angebote nicht. Ich selber bin mit Mei Ah angereist, vor allem um zu sehen, wie FULL ALERT (Anm.: Wong Jing hat den Film mitproduziert) beim Publikum ankommt. Ich meine, daß der ausländische Markt für HK-Filme nie besser war als jetzt. Das Interesse an HK-Filmen ist sehr groß, was sich dann in einer großen Zahl von Anbietern ausdrückt. Nicht zu vergessen ist auch der chinesische Markt, der jetzt, nachdem HK wieder zu China gehört, große Möglichkeiten bietet. Viele Leute sagen ja, daß der HK-Film mehr oder weniger tot ist, aber ich halte das eher für ein Gerücht.

Nicht von der Hand zu weisen ist, daß die Box Office Ergebnisse von HK-Filmen in HK längst nicht mehr so gut sind wie noch vor wenigen Jahren. Wo liegt das Problem?
Die HK-Chinesen sind im Moment einfach zu viel mit anderen Sachen beschäftigt, als daß sie dem Kino große Aufmerksamkeit schenken könnten. Das größte Problem ist die zur Zeit nicht besonders gute Wirtschaft, die viele Leute zwingt, ihr Einkommen nur noch für absolut notwendige Sachen wie Miete und Essen zu verwenden. Wir haben versucht, dieser Entwicklung vor allem in der Sommerzeit durch eine Reduktion der Ticketpreise entgegen zu wirken (Anm: HK-Kinos verlangen normalerweise einen Standardpreis von HK$50, bei den Sonderaktionen waren es dann noch HK$30) und in fast allen Fällen gab es daraufhin tatsächlich mehr Besucher. Übrigens existiert dieses Problem nicht nur in HK. Andere asiatische Staaten, wie z.B. Taiwan, Korea und Singapur, haben zur Zeit genau die gleichen Schwierigkeiten.

Was ist mit den Video-CDs? Sind sie für Sie ein Problem?
Oh ja, ein sehr großes. Video-CDs sind so billig und so leicht zu kopieren. Vor allem in China, aber auch in HK überschwemmen Bootlegs von neuen Kinofilmen den Markt, was sich natürlich sehr negativ auf die Zuschauerzahlen auswirkt.

Ein weiteres Problem dürfte der sich schnell wandelnde Geschmack der HK-Chinesen sein. Ist es zur Zeit überhaupt „in“, HK-Filme zu sehen?
Nein, es gibt wohl kaum etwas, was im Moment weniger gefragt ist, als ein HK-Film. Vor 5 Jahren noch war das anders, da waren die Leute begeistert von einheimischen Filmen und gingen sehr oft ins Kino. Viel bei der Freizeitgestaltung der HK-Chinesen hat mit Modetrends, mit „in“ und „out“-Sachen zu tun. Damals war es eben „in“, ins Kino zu gehen und jetzt ist es eben „in“, zu Hause im Internet zu surfen oder eine Video-CD einzulegen. Diese Trends haben sehr wenig mit der Qualität der Filme zu tun. Sie passieren einfach und sind leider für mich überhaupt nicht zu beeinflussen.

Aber Sie produzieren weiterhin Filme. Warum?
Das ist es nunmal, was ich kann. Der HK-Film ist natürlich nicht tot, er befindet sich nur gerade im Wandel. Ich prophezeie, daß es ca. 2-3 Jahre dauern wird, bis sich die Hongkonger Filmproduktion den veränderten Rahmenbedingungen angepaßt hat und wieder effektiv arbeiten kann. Bis dahin halte ich selbstverständlich durch.

Welche Rollen spielen ausländische Rechteverkäufe bei dieser Entwicklung?
Ausländische Rechteverkäufe werden immer wichtiger zur Refinanzierung der Produktionskosten. Ich bin jedoch vorsichtig, zu große Bedeutung auf das Ausland zu legen. Am wichtigsten nach wie vor ist, die einheimische Bevölkerung von Filmen zu egeistern. Wenn man das geschafft hat, hat man auch das Ausland auf seiner Seite.

Ich habe gehört, daß Sie die nächsten Monate 5 Filme mehr oder weniger back-to-back produzieren werden. Was sind das für Titel?
Zunächst einmal machen wir YOUNG AND DANGEROUS 5, der zum Chinesischen Neujahr veröffentlicht werden soll. Ekin Cheng ist wieder mit dabei, aber Jordan Chan diesmal leider nicht. Dann steht SEX AND ZEN 3 auf dem Programm (wieder ein ausladendes Grinsen), weiterhin CHINESE MIDNIGHT EXPRESS (Anm.: Ein Knastdrama mit Tony Leung Chiu Wai), ein Science Fiction Film über eine geklonte Killerin und dann noch das mit Ekin Cheng und Maggie Cheung besetzte Fantasy-Spektakel STORM RIDERS.

Sehen Sie neue Talente auf dem Hongkonger Filmmarkt? Wer sind für Sie Kanditaten für zukünftige Projekte?
Ganz besonders große Stücke setze ich auf Teddy Chan, den Regisseur von DOWNTOWN TORPEDOES. Sein nächstes Projekt, das ich übrigens produzieren werde, handelt von der Geschichte der HK-Triaden. Weiterhin sehr interessant ist Andrew Lau, der Regisseur der YOUNG AND DANGEROUS-Filme, und auch Joe Ma, der mit den beiden FEEL 100%-Filmen große Erfolge hatte. Ich selber übrigens bin ja auch noch da (Lachen) und werde demnächst wieder Regie führen. Jet Li ist mein Star und diesmal kämpft er gegen Zombies (erneutes und sehr lautes Lachen)!

Wenn Sie von „Regieführen“ sprechen, was heißt das für Sie?
Ich kann mir schon denken, auf was Sie anspielen und ja, die Gerüchte sind zumindest zum Teil war. So ca. 1992, 1993 war das Filmgeschäft für mich auf dem Siedepunkt, was mich an 2, manchmal sogar 3 Filmen gleichzeitig arbeiten ließ. Ich fuhr also am Morgen zum ersten Set, gab meinen Regieassistenten, Actionchoreographen, etc. Anweisungen für den Tag und dann ging es auch schon weiter zum nächsten Drehort. Ich meine, wenn erstklassige Leute wie Yuen Fui, Ching Siu Tung oder Yuen Wo Ping für mich arbeiten, wieso soll ich meine Zeit damit verschwenden, ihnen beim Drehen zuzuschauen? Mein Input beschränkt sich vorwiegend auf vorbereitende Produktionsmeetings und Kommentare zu den täglichen Rushes. Eine besonders schwierige Situation war z.B. das Drehen von CITY HUNTER, das sich mit den zur gleichen Zeit und auch noch back-to-back angesetzten ROYAL TRAMP-Filmen überschnitt. Zum Glück konnte Jackie Chan einen guten Teil seines Films selber drehen und bei den ROYAL TRAMP-Teilen hatte ich mit Ching Siu Tung einen ebenso fähigen Mann an der Seite.

Das hört sich doch ziemlich abenteuerlich an. Wie viele Stunden arbeiten Sie denn pro Tag?
Wieso abenteuerlich? Steven Spielberg z.B. macht ja auch viele seiner Actionszenen nicht selber. Ich hatte ausgiebigen Kontakt mit ihm beim Dreh von RAIDERS OF THE LOST ARK und glauben Sie mir, längst nicht alles aus dem Film stammt von ihm. Was mich angeht, so arbeite ich normalerweise 12 bis 15 Stunden pro Tag. Wenn es allerdings sein muß, dann können es mehr als 20 werden.

Sie sind in vielen Bereichen tätig, als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und auch Schauspieler. Wo liegt der Schwerpunkt?
Im Moment liegt der Schwerpunkt beim Produzieren, ganz einfach, weil mir zum Regieführen und Drehbuchschreiben die notwendige Ruhe und Zeit fehlt. Die Schauspielerei war sowieso immer nur ein Nebenjob, den ich nun schon seit einigen Jahren ganz aufgegeben habe. Ich spielte damals vor allem in Komödien und meine Rollen paßten überhaupt nicht zu meinem Wunsch, als Filmemacher respektiert und ernstgenommen zu werden.

Sind eigentlich alle Ihre Filme erfolgreich oder gibt es auch Verlustgeschäfte?
Nein nein, so gut wie alle Filme, die ich produziere oder drehe, machen Gewinn. Ich habe einen sehr kommerziellen Stil, der in seiner Verbindung von Tempo, Action, Comedy und Drama bei den Leuten gut ankommt. In letzter Zeit aber arbeite ich auch mit Kunstfilmern zusammen, wie z.B. Stanley Kwan, der gerade seinen neuen Film HOLD YOU TIGHT für mich fertiggestellt hat. Ich meine, daß sich in Zukunft meine „alte“ Art Filme zu machen, ändern wird. Viele Leute, gerade aus dem Ausland, sagen mir immer wieder, wie irritierend meine Vermischung verschiedener Genres in einem Film ist. Ich meine nach wie vor, daß dieser Stil besonders hohen Unterhaltungswert besitzt, aber in Anbetracht des immer wichtiger werdenen Auslandsmarktes muß man sich einfach mehr zurückhalten.

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