zurück zu Burning Paradise #1
 
CineAsia Aktuell
Aktuelle Ausgabe
Film-News

Alte Ausgaben
Bezug
Feedback
Impressum

Burning Paradise
Links
Acknowledgements
Impressum Web

 

 

 

 

   


A MOVIE TICKET
IS A VOTE



Ein Gespräch mit WONG JING


 

< zurück zu Teil 1


Ein gutes Bespiel für diese neue Richtung erscheint mir FULL ALERT zu sein.
Ja, genau, das ist ein von mir produzierter Film, mit dem wir gezielt auch Leute außerhalb von HK ansprechen wollen.

Äh, wieso erscheint eigentlich nicht Ihr Name in den Credits?
Das hat einen ganz einfachen Grund: Über die Hälfte aller in HK produzierten Filme hängen irgendwie mit mir zusammen. Ich bin der Produzent von FULL ALERT, ich bin der Produzent von LAWYER LAWYER (Anm: Der neueste Stephen Chow-Film, zumindest nach den Credits von Stephen Chow auch selber produziert) und so weiter. Ich möchte nicht unbedingt so aufdringlich sein, deswegen lasse ich zumindest manchmal meinen Namen aus den Credits weg.

Wie viele Filme werden zur Zeit pro Jahr in HK gedreht?
So ca. 70-80. Es wird wohl auch in Zukunft ungefähr auf diesem Niveau bleiben. Ich auf jeden Fall bin bei ca. 35 als Produzent mit dabei.

Sind Sie der mächtigste Mann in der HK-Filmindustrie?
Nein nein, der mächtigste ganz sicher nicht. Eher der am meisten beschäftigte.

Welche Firmen gehören Ihnen?
Ich bin Chef von Wong Jing's Creative Workshop (Anm.: die Produktionsfirma z.B. von NAKED KILLER oder RAPED BY AN ANGEL) und neben Andrew Lau und Manfred Wong Teilhaber bei BOB (Anm.: Auf deren Konto gehen u.a. die YOUNG AND DANGEROUS-Filme und GOD OF GAMBLERS – THE EARLY STAGE). Daneben habe ich auch noch Anteile an Win's (Anm.: Das größte HK-Studio, Produzent der letzten Andy Lau-, Jet Li- und Stephen Chow-Filme) und einen Output Deal mit Golden Harvest (Anm.: Das 2.größte Studio, Heim von Jackie Chan und Verleiher z.B. der YOUNG AND DANGEROUS-Filme). Irgendwie bin ich der Partner von fast jedem in der Hongkonger Filmindustrie.

Gab es schon Angebote aus Amerika?
Nein, bisher noch nicht. Ich müßte mich um sehr viel mehr Geld als hier sorgen, ich würde viel zu lange an einem einzigen Film arbeiten und außerdem würde ich sämtliche meiner in HK bestehenden Privilegien verlieren. Ich kann in HK einfach wesentlich effektiver, schneller und kontrollierter produzieren. Die Amerikaner sehen die HK-Chinesen aus dem Filmbereich vorwiegend als sehr billige Arbeitskräfte, die niedrige Budgets nach mehr ausschauen lassen können. Total egal dabei ist, was und wie diese Leute früher gearbeitet haben. Schauen Sie sich nur mal Ringo Lam, Ronny Yu, Tsui Hark und selbst John Woo an: Man heuert diese Leute, setzt sie in Actionfilme und verbietet ihnen dann, ihren ja eigentlich als Grund für die Angebote ausschlaggebenden Stil auch in Hollywood zu verwirklichen. Ich hätte, glaube ich, mit so einer Veränderung wenig Probleme, da ich mich sehr schnell auf neue Bedingungen und Arbeitsweisen einstellen kann. Aber trotzdem: Hollywood ist einfach nicht mein Ding.

Warum sehen dann HK-Filmemacher eine amerikanische Produktion als erstrebenswertes Ziel?
Na, wegen dem Geld natürlich. Und dann ist da noch der Mythos Hollywood, die Geschichte einer Traumfabrik, die wie nichts anderes die Filmgeschichte geprägt hat.

Gibt es in HK eigentlich Filmschulen oder Schauspielschulen?
Ja, seit einigen Jahren gibt es eine Schauspielschule und der HK Director's Guild (Anm.: Eine Art Gewerkschaft der Filmregisseure) organisiert Schulungen für Drehbuchschreiber und Regisseure. Zuvor aber gab es nichts. Man lernte sein Handwerk ausschließlich auf Sets.

Wie wird man Regisseur in HK?
In früheren Jahren kamen fast alle Regisseure vom Fernsehen. Heutzutage sind es entweder Drehbuchautoren oder Regieassistenten, die sich langsam hocharbeiten. Ich selber fördere auch Talente. Andrew Lau und Joe Ma z.B. konnten erst dank meinem Geld Filme machen.

Wie schaut's mit neuen Schauspielern aus? Ist ein neuer Chow Yun Fat in Sicht?
Zur Zeit ist es so, daß die meisten angesagten Schauspieler sehr jung sind und vor allem den Teenie-Markt ansprechen. Generell ist die Herausbildung von männlichen Stars wesentlich schwieriger als das Hochpushen von weiblichen Stars, ganz einfach weil hier nicht nur gutes Aussehen langt, sondern auch die schauspielerischen Fähigkeiten vorhanden sein müssen. Der größte neue weibliche Star übrigens ist Shu Qi (Anm.: Zu sehen z.B. in SEX AND ZEN 2 oder VIVA EROTICA) und auch sie spricht vor allem jüngere Kinogänger an. Hoffentlich heiratet sie nicht so schnell und verschwindet wieder wie so viele andere Frauen zuvor.

Ist Chingmy Yau eigentlich auch noch aktiv oder ist sie inzwischen zurückgetreten?
Chingmy Yau ist Buddhistin und verbrachte als solche einige Zeit in Japan. Seit November ist sie aber wieder zurück und wird bald einige Actionfilme drehen. Wenn sie möchte, ist auch RETURN OF NAKED KILLER mit dabei.

In welchen Genres werden in Zukunft ihre Arbeitsschwerpunkte liegen?
Ich werde vor allem Actionfilme und „Special Interest“-Themen z.B. in Richtung HAPPY TOGETHER produzieren. Komödien werden auch mit dabei sein, allerdings in wesentlich geringerer Zahl als noch vor wenigen Jahren.

Wie sieht es aus mit der chinesischen Zensur? Beeinflußt das Ihre Auswahl von Stoffen?
Oh ja, sehr stark sogar. Sexfilme und politische Themen sollten besser vermieden werden. SEX AND ZEN 3 ist nur für Hongkong und für das Ausland, das ist etwas anderes. STORM RIDERS dagegen, allein schon bedingt durch das hohe Budget, soll auch in China laufen und wurde deshalb der chinesischen Zensur vorgelegt. Wir mußten einige Gewaltszenen herausnehmen und auch einige Szenen, die gespannte Beziehungen zwischen verschiedenen Rassen zeigen. In STORM RIDERS ist einer der Bösewichter ein Mongole. Das mußte geändert werden.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Stephen Chow? Der letzte seiner Filme, bei dem Sie auch Regie geführt haben (HAIL THE JUDGE), liegt schon einige Jahre zurück.
Ich bin immer noch ein guter Freund von Stephen Chow, aber seine Filme haben sich stark verändert. Er möchte jetzt sehr große Filme machen, die eine Menge Vorbereitung erfordern. Für so etwas habe ich keine Zeit. Hinzu kommt noch, daß Stephen Chow immer mehr Kontrolle über seine Filme ausüben möchte. Für mich bleibt da nur wenig Platz. Früher war das noch etwas anders: Einer seiner besten Filme ist TRICKY BRAINS, den haben wir in 4 Wochen komplett fertiggestellt und hatten dabei auch noch einen Riesenspaß.

Sind Komödien immer noch gefragt in HK?
Oh ja, sehr. Das Publikum für den oftmals sehr kindischen Humor allerdings wird immer jünger. Heutzutage gehen vor allem kleine Kinder mit ihren Müttern in diese Filme. Eine Hochzeit für Komödien sind die Ferien, da haben die Kinder Zeit. Tagsüber sind die Kinos voll, am Abend jedoch gibt es leere Säle.

Wieso ist seit einigen Jahren nun schon kein führender Trend im HK-Kino mehr auszumachen? Wissen die Produzenten nicht mehr, was die HK-Leute wollen?
Die meisten der Produzenten sind inzwischen sehr alt, sie haben den Kontakt zum Publikum verloren. Ich bin der jüngste von allen! Es ist sehr schwierig für neue Produzenten, weil ganz einfach die notwendige Erfahrung nicht vorhanden ist und auch keine Möglichkeit besteht, das Geschäft richtig zu lernen.

Nun, immerhin ist es doch Fakt, daß so ca. 1992, 1993 vor allem im Category III-Bereich viele Glücksritter aktiv waren und auch einiges Geld gemacht haben.
Ja ja, das stimmt schon, aber eine Vielzahl dieser Leute ist inzwischen, da auch Geld verloren wurde, wieder ausgestiegen. So richtige Glücksritter, geschweige denn Triadenproduzenten, die mit vorgehaltener Waffe Filme drehen, gab es übrigens gar nicht so viele. Das waren vor allem Geschäftsleute, die den Filmbereich lediglich als profitable Investitionsmöglichkeit gesehen haben und Stars höchstens mit Geld, aber nicht mit Gewalt in ihre Produktionen gelockt haben. Anthony Wong z.B. machte so einen Haufen Geld, dank seiner guten Vorstellung in THE UNTOLD STORY. Jetzt aber ist er sehr krank, er wird immer dicker und muß viele Pillen nehmen. Eine traurige Geschichte.

Was waren bisher Ihre erfolgreichsten Filme?
GOD OF GAMBLERS, CASINO RAIDERS und die beiden ROYAL TRAMP Filme.

Wissen Sie noch, was Ihr erster Film war?
Oh ja ja, das war etwas für Shaw Brothers. Den Titel habe ich jetzt vergessen, aber der war auch furchtbar schlecht (Lachen). Irgend so eine Spielergeschichte.

Wie viele Filme haben Sie bisher insgesamt gemacht?
Als Regisseur so ungefähr 60, als Produzent weit über 100. Drehbücher waren's auch weit über 100. Bitte fragen Sie mich jetzt nicht nach genauen Titeln, die weiß ich sicher nicht mehr alle. Ich bin jetzt auf jeden Fall seit 16 Jahren im Geschäft. Wenn alles so weiterläuft, möchte ich auf jeden Fall noch sehr viel länger Filme machen.

Das hoffe ich doch sehr und danke für das Gespräch.

---|


< zurück zu Teil 1