Was
für ein Sprung von THE ODD ONE DIES... THE LONGEST NITE
ist erst Patrick Yaus zweite Regiearbeit und schon hat er
einen der besten und härtesten Gangsterfilme der neunziger
Jahre geschaffen. Tony Leung Chiu Wai spielt den verbitterten,
überaus gewalttätigen Polizisten Sam, der im Macau
der siebziger Jahre dank reichhaltigen Schmiergeldzahlungen
die ansässigen Triadenbanden eher als Freunde denn als
Feinde sieht. Kurz bevor die beiden mächtigsten Gangbosse,
Mr. K und Mr. Lung, zum Zwecke größerer Profite
Frieden schließen wollen, passieren einige brutale Morde.
Mr. Hung, ein Business-Hai, der selber Kontrolle über
die Unterwelt Macaus erreichen möchte, hat eine hohe
Belohnung auf den Kopf von Mr. Lung ausgesetzt und bringt
so unerwünschte Bewegung in das friedliche Korruptions-Miteinander.
Als auch noch der von ihm engagierte Verbecher Tony (gespielt
von Lau Ching Wan) auftaucht und weitere Tote entdeckt werden,
gerät Sam in Unruhe. Wieder und wieder begegnet er Tony
und obwohl er eine deutliche Bedrohung spürt, kann er
nichts gegen ihn unternehmen. Mit zunehmender Eskalation der
Situation reagiert Sam immer gehetzter, immer hilfloser. Ohne
es zu ahnen, wird er durch Tony selbst zu einem Spielball
dunkler Machenschaften, verliert mehr und mehr die Kontrolle
über sein Territorium und verstrickt sich bis hin zu
Morden in tödliche Intrigen.
THE
LONGEST NITE ist zunächst ein brutaler, ein hoffnungsloser
Film. Es gibt keine Helden, alle Charaktere sind gehetzte,
in ihrer fatalistischen Situation gefangene Schachfiguren,
die von „höherer“ Stelle Richtung Tod gelenkt
werden. Sam erscheint zuerst als jemand, der Kontrolle ausübt,
der mit unbarmherziger Gewalt und gleichzeitig offener Brieftasche
seine eigene kleine Welt etabliert hat. Nach und nach stellt
sich jedoch heraus, daß gerade er überhaupt keine
selbstständigen Entscheidungsmöglichkeiten besitzt
und zu nichts weiter als einem todbringenden Handlanger gut
ist. Parallel zu dieser Charakterentblößung wird
Tony als neues Pendant eingeführt, doch auch er entpuppt
sich lediglich als ausgelieferter Wasserträger. Im Gegensatz
zu Sam ist ihm seine Situation von Anfang an bewußt,
mit fast schon aufreizender Gleichgültigkeit läßt
er wieder und wieder gefährliche Situationen von sich
abprallen. Auch wenn es Sam zuerst nicht wahrhaben will, so
ähneln sich die beiden doch sehr. Im von Kriminellen
regierten Macau sind sie Außenseiter, er bedingt durch
seinen Beruf, Tony bedingt durch seine Herkunft. Beide sind
hilflos, beide stehen am Ende ihres Weges und können
sich spätestens beim Showdown, als sie auf ihre eigenen
Spiegelbilder schießen, kaum noch unterscheiden. Auf
fatale Weise verbundene Gegensätze. Selbst wenn sie,
wie am Ende, wieder eigenständig handeln könnten,
bleibt nichts mehr als Zerstörung und Gewalt.
THE
LONGEST NITE ist weiterhin ein zugleich intensiver und abgeklärter,
kühler Film. Die Atmosphäre ist durch den kurz bevorstehenden
Bandenkrieg nervös aufgeladen, Schweiß, Dreck und
Blut sind allgegenwärtig. Gleichzeitig funktioniert vieles
nicht über Worte, sondern über Blicke, Handlungen
und lähmenden Stillstand. Besonders große Bedeutung
kommt dem phänomenalen Soundtrack zu, der fast ständig
präsent ist und immer wieder kommentiert und beschreibt.
Großartige Musikstücke, angefangen von „Chase“
aus MIDNIGHT EXPRESS, bis hin zu Blues, Rock, Funk und diesem
berauschenden Titelthema, das in seiner Mischung aus Melancholie
und aufpeitschenden Soundwogen mehr aussagt als jedes Wort.
Es ist fast schon unglaublich, wie weit sich Patrick Yau seit
THE ODD ONE DIES weiterentwickelt hat. Bei THE LONGEST NITE
sitzt jeder Schnitt, jeder Ton, hat jedes Bild seinen festen
Platz und jeder Darsteller eine klar definierte Rolle. Auf
der einen Seite eine Stimmung intensiver Unruhe, auf der anderen
Seite eine abgeklärte, ökonomische Umsetzung. Patrick
Yau ist weg von der bei THE ODD ONE DIES zumindest streckenweise
zu spürenden Orientierungslosigkeit. Das Drehbuch kommt
hier auf den Punkt, kondensiert seine facettenreiche Geschichte
ausschließlich auf das inhaltlich Notwendige und macht
jeden neuen Twist, jeden Wechsel zwischen schnell und langsam
deutlich spürbar.
Zuletzt
ist THE LONGEST NITE auch ein Schauspielerfilm, eine in Hongkong
sehr selten gegebene Möglichkeit zur Herausformung komplexer,
faszinierender Charaktere. Beide Hauptdarsteller, sowohl Tony
Leung Chiu Wai als auch Lau Ching Wan, sind in ihren Rollen
schlichtweg PHANTASTISCH und beweisen sich mit jeder neuen
Szene als große Könner ihres Metiers. Tony Leung
Chiu Wai erfüllt die Person des Sam mit einer selten
zuvor erlebten Intensität und Lau Ching Wan, mal abgesehen
von seinem eh schon jenseits jeder Vorstellungskraft kultigen
Glatzenhaarschnitt, ist spätestens seit diesem Film der
Harvey Keitel Hongkongs. Er schafft es, allein durch seine
bloße Präsenz zugleich Bedrohung und brodelnde
Faszination hervorzurufen und kann, genauso wie alle anderen
Darsteller, seine Person fast schon physisch spürbar
machen. Alles an THE LONGEST NITE ist so intensiv, so wuchtig.
Ich weiß wirklich nicht mehr, wie lange es schon her
ist, daß ein Film mich derartig gefesselt und aufgesogen
hat. Am meisten imponierend dabei ist gar nicht mal so der
Inhalt oder die Umsetzung, sondern vielmehr diese selbstverständliche
Lässigkeit, mit der alles an seinen Platz findet und
sich zu jedem Zeitpunkt harmonisch ergänzt. In dem Film
steckt so viel Arbeit, so viel Liebe und so viel Talent. Es
wäre wirklich eine Schande, wenn diese Sternstunde des
modernen Hongkong-Kinos auch nur von EINEM Leser dieser Zeilen
übergangen würde.
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