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| THE LONGEST NITE
Hongkong 1997

Regie:
Patrick Yau Tat Chi
Drehbuch:
Szeto Kam Yuen
& Yau Nai Hoi
Kamera:
Ko Chiu Lam
Schnitt:
Andy Chan Chi Wai
Musik:
Raymond Wong Ying Wah
Art Direction:
Simon So Kwok Ho &
Patrick Tsui Kwok Keung
Art Consultant:
Bruce Yu Kar On
Actionregie:
Wu Chi Lung
Produktion:
Johnnie To Kei Fung &
Wai Kar Fai
Darsteller:
Lau Ching Wan, Tony
Leung Chiu Wai, Mark
Cheng Ho Nam, Maggie
Siu Mei Kei, Wong Tin
Lam, Yuen Bun, Lung
Fong

 

   

 

THE LONGEST NITE   

 

von Martin Beck


 

Was für ein Sprung von THE ODD ONE DIES... THE LONGEST NITE ist erst Patrick Yaus zweite Regiearbeit und schon hat er einen der besten und härtesten Gangsterfilme der neunziger Jahre geschaffen. Tony Leung Chiu Wai spielt den verbitterten, überaus gewalttätigen Polizisten Sam, der im Macau der siebziger Jahre dank reichhaltigen Schmiergeldzahlungen die ansässigen Triadenbanden eher als Freunde denn als Feinde sieht. Kurz bevor die beiden mächtigsten Gangbosse, Mr. K und Mr. Lung, zum Zwecke größerer Profite Frieden schließen wollen, passieren einige brutale Morde. Mr. Hung, ein Business-Hai, der selber Kontrolle über die Unterwelt Macaus erreichen möchte, hat eine hohe Belohnung auf den Kopf von Mr. Lung ausgesetzt und bringt so unerwünschte Bewegung in das friedliche Korruptions-Miteinander. Als auch noch der von ihm engagierte Verbecher Tony (gespielt von Lau Ching Wan) auftaucht und weitere Tote entdeckt werden, gerät Sam in Unruhe. Wieder und wieder begegnet er Tony und obwohl er eine deutliche Bedrohung spürt, kann er nichts gegen ihn unternehmen. Mit zunehmender Eskalation der Situation reagiert Sam immer gehetzter, immer hilfloser. Ohne es zu ahnen, wird er durch Tony selbst zu einem Spielball dunkler Machenschaften, verliert mehr und mehr die Kontrolle über sein Territorium und verstrickt sich bis hin zu Morden in tödliche Intrigen.


THE LONGEST NITE ist zunächst ein brutaler, ein hoffnungsloser Film. Es gibt keine Helden, alle Charaktere sind gehetzte, in ihrer fatalistischen Situation gefangene Schachfiguren, die von „höherer“ Stelle Richtung Tod gelenkt werden. Sam erscheint zuerst als jemand, der Kontrolle ausübt, der mit unbarmherziger Gewalt und gleichzeitig offener Brieftasche seine eigene kleine Welt etabliert hat. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, daß gerade er überhaupt keine selbstständigen Entscheidungsmöglichkeiten besitzt und zu nichts weiter als einem todbringenden Handlanger gut ist. Parallel zu dieser Charakterentblößung wird Tony als neues Pendant eingeführt, doch auch er entpuppt sich lediglich als ausgelieferter Wasserträger. Im Gegensatz zu Sam ist ihm seine Situation von Anfang an bewußt, mit fast schon aufreizender Gleichgültigkeit läßt er wieder und wieder gefährliche Situationen von sich abprallen. Auch wenn es Sam zuerst nicht wahrhaben will, so ähneln sich die beiden doch sehr. Im von Kriminellen regierten Macau sind sie Außenseiter, er bedingt durch seinen Beruf, Tony bedingt durch seine Herkunft. Beide sind hilflos, beide stehen am Ende ihres Weges und können sich spätestens beim Showdown, als sie auf ihre eigenen Spiegelbilder schießen, kaum noch unterscheiden. Auf fatale Weise verbundene Gegensätze. Selbst wenn sie, wie am Ende, wieder eigenständig handeln könnten, bleibt nichts mehr als Zerstörung und Gewalt.


THE LONGEST NITE ist weiterhin ein zugleich intensiver und abgeklärter, kühler Film. Die Atmosphäre ist durch den kurz bevorstehenden Bandenkrieg nervös aufgeladen, Schweiß, Dreck und Blut sind allgegenwärtig. Gleichzeitig funktioniert vieles nicht über Worte, sondern über Blicke, Handlungen und lähmenden Stillstand. Besonders große Bedeutung kommt dem phänomenalen Soundtrack zu, der fast ständig präsent ist und immer wieder kommentiert und beschreibt. Großartige Musikstücke, angefangen von „Chase“ aus MIDNIGHT EXPRESS, bis hin zu Blues, Rock, Funk und diesem berauschenden Titelthema, das in seiner Mischung aus Melancholie und aufpeitschenden Soundwogen mehr aussagt als jedes Wort. Es ist fast schon unglaublich, wie weit sich Patrick Yau seit THE ODD ONE DIES weiterentwickelt hat. Bei THE LONGEST NITE sitzt jeder Schnitt, jeder Ton, hat jedes Bild seinen festen Platz und jeder Darsteller eine klar definierte Rolle. Auf der einen Seite eine Stimmung intensiver Unruhe, auf der anderen Seite eine abgeklärte, ökonomische Umsetzung. Patrick Yau ist weg von der bei THE ODD ONE DIES zumindest streckenweise zu spürenden Orientierungslosigkeit. Das Drehbuch kommt hier auf den Punkt, kondensiert seine facettenreiche Geschichte ausschließlich auf das inhaltlich Notwendige und macht jeden neuen Twist, jeden Wechsel zwischen schnell und langsam deutlich spürbar.


Zuletzt ist THE LONGEST NITE auch ein Schauspielerfilm, eine in Hongkong sehr selten gegebene Möglichkeit zur Herausformung komplexer, faszinierender Charaktere. Beide Hauptdarsteller, sowohl Tony Leung Chiu Wai als auch Lau Ching Wan, sind in ihren Rollen schlichtweg PHANTASTISCH und beweisen sich mit jeder neuen Szene als große Könner ihres Metiers. Tony Leung Chiu Wai erfüllt die Person des Sam mit einer selten zuvor erlebten Intensität und Lau Ching Wan, mal abgesehen von seinem eh schon jenseits jeder Vorstellungskraft kultigen Glatzenhaarschnitt, ist spätestens seit diesem Film der Harvey Keitel Hongkongs. Er schafft es, allein durch seine bloße Präsenz zugleich Bedrohung und brodelnde Faszination hervorzurufen und kann, genauso wie alle anderen Darsteller, seine Person fast schon physisch spürbar machen. Alles an THE LONGEST NITE ist so intensiv, so wuchtig. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie lange es schon her ist, daß ein Film mich derartig gefesselt und aufgesogen hat. Am meisten imponierend dabei ist gar nicht mal so der Inhalt oder die Umsetzung, sondern vielmehr diese selbstverständliche Lässigkeit, mit der alles an seinen Platz findet und sich zu jedem Zeitpunkt harmonisch ergänzt. In dem Film steckt so viel Arbeit, so viel Liebe und so viel Talent. Es wäre wirklich eine Schande, wenn diese Sternstunde des modernen Hongkong-Kinos auch nur von EINEM Leser dieser Zeilen übergangen würde.

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